 |
 |
|
Jedes durch unsere Werkstätte erbaute Instrument ist ein Unikat, das speziell auf die architektonischen, akustischen und räumlichen Gegebenheiten am Aufstellungsort abgestimmt ist. In besonderer Weise trifft dies auf die neue Orgel der katholischen Kirchengemeinde Verklärung Christi in Bad Vilbel zu.
Die baulichen Gegebenheiten des Kirchenraums, sowie seine sehr eindrucksvolle Architektonik, setzten einen sehr intensiven und verantwortungsvollen Umgang bei der Planung des Instruments voraus. Der Orgelprospekt durfte auf keinen Fall den Fluss des bunten Fensterbandes, das seinen Höhepunkt im Altarraum in der Darstellung des verklärten Christus findet, unterbrechen.
Das vom Orgelsachverständigen Herrn Nicolo Sokoli in der Ausschreibung vorgeschlagene Aufstellungskonzept schien mir schon beim ersten Betreten des Kirchenraumes als überaus passend. Es berücksichtigt die wesentlichen funktionellen Aspekte, sowohl des Orgelwerkes, als auch des musikalischen Gebrauchs und gab uns die Möglichkeit, einen Orgelprospekt zu entwerfen, der sich in homogener Weise in den Kirchenraum einfügen konnte.
Die technische Ausführung der Orgel und die perfekte Realisierung des Konstruktionskonzepts war eine große Herausforderung. Aufgrund der geringen Höhe, die uns auf der Empore zur Verfügung stand, waren wir gezwungen, die gesamten Mechaniken der Spiel- und Registertraktur sehr kompakt und niedrig anzulegen. Dabei galt es für unsere Maxime, dass für Stimmung und Wartung des Instruments alle Teile jederzeit zugänglich sein müssen, keine Kompromisse einzugehen. Wir sind ein wenig stolz darauf, dass wir auch bei diesem Orgelwerk nicht auf unsere bewährten Vollholzmechaniken, die einen wesentlich größeren Platzbedarf als andere Trakturmaterialien haben, verzichten mussten. Alle Teilwerke der Orgel sind hintereinander auf gleicher Höhe angeordnet. Hinter den Prospektpfeifen des Principal 8‘, die mit Bleirohren konduziert wurden, liegt die Windlade des I. Manuals (Hauptwerk). Dahinter ist das II. Manual (Schwellwerk) angeordnet. Dieses Manual ist mit einem Schwellkasten aus 50 mm starkem Tannenholz versehen und kann über zwei Jalousienrahmen in der Dynamik (Lautstärke) verändert werden. Ein Jalousienrahmen verläuft parallel zur Orgelfront. Dieser wird bei Betätigung eines Tritts am Spieltisch zuerst geöffnet. Der zweite Jalousienrahmen ist seitlich bei den Diskantpfeifen des Manuals angebracht und öffnet sich erst im letzten Drittel der Betätigung des Schwelltritts. Durch diesen Mechanismus erreichen wir einen noch höheren Wirkungsgrad des Schwellwerkes. Somit verfügt der/die Orgelspieler/in über eine größere musikalische Gestaltungsvielfalt.
Die Pfeifen des Pedalwerks stehen hinter dem II. Manual. Um den bestmöglichen Klangaustritt für diese Register zu erreichen, haben wir die Gehäusefüllungen der Rückwand so konstruiert, dass zusätzliche Schallaustrittsflächen zur Verfügung stehen. Das Seitengehäuse hat ebenfalls sichtbare Schallöffnungen, die gleichzeitig als gestalterisches Stilmittel dienen. Das Instrument hat 28 Register auf 2 Manualen und Pedal verteilt. Fünf der Register sind mechanische Transmissionen, d. h. diese Pedalregister besitzen keine eigenen Pfeifen, sondern sie verwenden die Pfeifen der gleichnamigen Register des I. Manuals. Das aus ca. 7 m3 massiver Eiche gefertigte Orgelgehäuse besitzt eine Breite von 3,7 m und eine Höhe von 3,58 m. Vom Betrachter aus nicht zu sehen ist die tiefste Pfeife. Es handelt sich dabei um den Ton C des Subbass 16‘ mit einer Gesamtlänge von 2,65 m. Eigentlich ist die Tonlänge dieser Pfeife weitaus größer, nämlich ca. 4,8 m. Da sie aber an ihrem oberen Ende mit einem Deckel verschlossen ist, kann die Pfeife kürzer gebaut werden. Die kleinste Pfeife steht auf dem Ton a3 des Registers Mixtur 1 1/3‘. Sie hat eine reine Körperlänge von ca. 1 cm.
Der Orgelspieltisch ist eines der Schmuckstücke dieses Instruments. Er ist aus massiver Eiche gefertigt. In das Notenpult haben wir unser Firmenwappen als Intarsie eingelegt. Die Tastenbeläge der Untertasten bestehen aus Ebenholz, die der Obertasten aus Paduk mit Knochenauflage. Als Applikationen sind in die Klaviaturbacken Plättchen aus italienischem Marmor eingelegt. Das Orgelwerk besitzt eine elektronische Setzeranlage mit 128 Speicherplätzen. Die Registerknöpfe sind aus Palisander gedrechselt und auf Hochglanz poliert. Auf den Stirnseiten der Registerknöpfe sind die Registernamen auf handgeschrieben Porzellanplättchen angebracht.
Die neue Orgel basiert technisch auf den Erfahrungen und Prinzipien, die ihren Ursprung im europäischen Orgelbau des 16. und 17. Jahrhunderts haben. Jede Taste der Klaviatur ist mit einer Holzleiste (7 mm breit, 1,2 mm stark) über verschiedene mechanische Umlenkungen, wie Holzwinkel und -wippen, mit einem Ventil in der Windlade verbunden. Die zum Bau des Instruments verwendeten Holzarten sind fast ausnahmslos europäischer Herkunft. Die Hölzer verbleiben, gemäß ihrem Trocknungsgrad, mehrere Jahre in unserem eigenen Holzlager, bevor sie für den Bau eines Instruments Verwendung finden. Die folgenden Holzarten sind zum Bau dieser Orgel verarbeitet worden: Fichte, Kiefer, Tanne, Bergahorn, Esche, Eiche, kanadische Zeder, Ebenholz und Paduk. Für das Auge des Betrachters sind nur die Prospektpfeifen sichtbar. Die meisten der insgesamt 1.729 Pfeifen stehen jedoch im Innern der Orgel.
Alle Überlegungen, Gedanken, Ideen, Vorstellungen, Mühen und die Anstrengungen aller Beteiligten haben sich in diesem neuen Orgelwerk manifestiert. Möge die Königin der Instrumente der Kirchengemeinde für eine lange Zeit eine zuverlässige Dienerin zum Lobpreis Gottes sein.
Abschließend möchte ich mich im Namen der Orgelbaumanufaktur Hugo Mayer bei allen bedanken, die zum guten Gelingen dieses Werkes beigetragen haben. Einen Dank an Herrn Pfarrer Kalus, der dieses Projekt mit großem Interesse mit getragen hat. Danken möchte ich auch dem Orgelsachverständigen Herrn Nicolo Sokoli für die sehr angenehme Zusammenarbeit und die fachkundige Begleitung des Orgelbaus von der Entstehungsphase bis hin zur Fertigstellung.
Ein großer Dank gilt der Organistin und Spenderin der neuen Orgel Frau Hildegard Metzroth-Wicke für Ihre herzliche und offene Art im Umgang mit uns Orgelbauern und das große Vertrauen, das uns für den Bau dieser neuen Orgel geschenkt wurde.
Stephan Mayer
Orgelbaumeister |
|
 |
|
Die Orgel ein Instrument, das als Hydraulis (Wasserorgel) seit dem zweiten Jahrhundert vor Christus in Ägypten bekannt ist wird erst um ca. 800 in den Kulturraum nördlich der Alpen eingeführt und zunächst bei weltlichen und höfischen Festlichkeiten eingesetzt. Im kirchlichen Kult ist die Orgel zum ersten Mal nachweislich kurz nach dem Jahre 1000 (etwa in Augsburg oder im Kloster Weltenburg) erwähnt.
Seitdem gehört sie untrennbar zum Erscheinungsbild des christlichen Gottesdienstes: als verkündigende Elemente bilden Wort, Musik und sakrale Kunst eine Einheit, die die christliche Feier seit jeher prägen und zu einem im wahrsten Sinnen des Wortes sinnlichen Erlebnis werden lassen.
Dieser Aufgabenstellung bei einem Orgelneubau gerecht zu werden, stellt für alle Beteiligten eine große Herausforderung dar.
Schon bei den ersten Gesprächen und Ortsterminen mit Herrn Pfarrer Kalus und Frau Metzroth-Wicke in der Kirche Verklärung Christi stellte sich heraus, dass der bemerkenswerte Kirchenraum, der zu den Gelungensten der modernen Architektur im Bistum Mainz gehört, eine starke atmosphärische Wirkung spürbar werden lässt: das Bildnis des verklärten Christus im Altarraum, dessen geöffnete Hände sich gleichermaßen die Gemeinde umarmend in einem durchgängigen Lichtband zur Empore fortpflanzen, sollte durch einen Orgelneubau nicht seiner überwältigenden Wirkung beraubt werden.
Vom räumlichen Standpunkt musste ebenfalls die Mitwirkung und Begleitung eines Chores berücksichtigt werden. Als Standort für das neue Instrument kam somit nur noch die vom Altarraum betrachtet rechte Hälfte der Empore in Frage. Durch die Verjüngung und Abrundung des Kirchenraums nach hinten wurde deutlich, dass das Orgelwerk so weit wie möglich an die Emporenbrüstung herangerückt werden muss. Daraus resultiert eine ideale Klangabstrahlung in den Kirchenraum, aber auch eine, den Trakturverlauf erschwerende seitenspielige Konzeption.
Erst die Summe aller baulichen Eigenheiten und platzlichen Verhältnisse konnten nun über die eigentliche Disposition diskutieren lassen. Gefunden werden musste eine Disposition, die allen gottesdienstlichen Ansprüchen genügt: dazu gehören für die verschiedenen Formen des Cantus-firmus-Spiels einige farbige Solostimmen, ein kräftiges Prinzipal-Plenum, sowie ein ausreichender Vorrat von klanglich verschiedenen Grundstimmen. Ebenso musste gewährleistet sein, dass auf dem neuen Instrument ein Großteil der gängigen Orgelliteratur darstellbar ist.
Im Gespräch mit Frau Metzroth-Wicke entstand nun ein zweimanualiges Konzept, das die Register auf ein kräftiges Hauptwerk, ein französisch-romantisch geprägtes Schwellwerk, sowie das Pedal verteilt. Dabei wurde besonders beachtet, dass das neue Orgelwerk eine breite Grundstimmenbasis erhält, auf der alle farbgebenden Solostimmen und die klangveredelnden Mixturen aufbauen. Nur so konnte davon ausgegangen werden, dass die neue Orgel auch bei gefüllter Kirche einen satten, raumfüllenden Klang bekommt.
Wie bereits eingangs erwähnt, mussten nun alle dispositionellen Wünsche unter dem Aspekt der räumlichen Platzvorräte erneut geprüft werden: dabei stellte sich heraus, dass für den Ausbau eines groß angelegten, eigenständigen Pedals einfach zu wenig Deckenhöhe vorhanden war, die den tiefen und damit längeren Pedalpfeifen ausreichend Raum bieten konnte. Daher wurden in die Konzeption 5 sogenannte Transmissionen mitaufgenommen, die 5 Register aus dem Hauptwerk selbständig im Pedal spielbar werden lassen. Diese Maßnahme ist zwar allgemein umstritten, da im eigentlichen Sinne kein Registerzugewinn erreicht wird, und die Technik der Orgel aufwendiger wird, doch hat die Erfahrung gezeigt, dass geübte Orgelbaufirmen dieser Aufgabenstellung gerecht werden können, wenn die Platzverhältnisse keine andere Wahl zulassen.
Erwähnt sei in diesem Zusammenhang auch die Verwendung der konzipierten mechanischen Subkoppel, die die Register des zweiten Manuals oktavversetzt, also eine Oktave tiefer, im Hauptwerk erklingen lässt. Diese Maßnahme erreicht, dass die Klangbasis der Grundstimmen zusätzlich erweitert wird.
Diese Vielzahl von Vorgaben wurde nun an vier erfahrene und renommierte Orgelbaufirmen in Form einer offiziellen Ausschreibung weitergeleitet. Nach Auswertung der Preis-Leistungsverhältnisse wurde der Auftrag an die Firma Hugo Mayer Orgelbau GmbH vergeben: eine Entscheidung, die sich für alle Beteiligten als Glücksfall herausstellen sollte!
Schon im ersten Angebot zeigte sich, dass die Firma Mayer nicht nur den Ansprüchen der Aufgabenstellung genügen wollte, sondern dass sie sich mit Freude und Ehrgeiz den Herausforderungen stellen würde. Nicht zuletzt aufgrund des positiven persönlichen Miteinanders das ist leider nicht immer der Fall und der Kompetenz der Hauptakteure Stephan Mayer, Orgelbaumeister, Patrick Akroud und Michael Müller, Intonateure, wurde die Arbeit an dem neuen Instrument für die Gemeinde Verklärung Christi zu einem Beispiel mustergültiger Arbeit.
Wie sich am heutigen Tag jeder selbst überzeugen kann, sind alle Schwierigkeiten der Konzeptionsphase mit Bravour gemeistert worden: Standort und Prospektgestaltung sind nicht nur klanglich, sondern auch architektonisch exzellent gelungen; die Technik des Instruments zeugt von höchster Präzisionsarbeit; klanglich jedoch ist es der Firma Mayer gelungen mehr zu erreichen, als man von einer Orgel mit nur 23 Registern erwarten konnte. Mensur und Intonation sind so aufeinander und auf den Kirchenraum abgestimmt, dass die einzelnen Register über eine sehr eindeutig gefasste Individualität verfügen, im Zusammenklang jedoch zu höchster Verschmelzung fähig sind. Eine rundes, tragfähiges Klangspektrum tritt an die Stelle von andernorts praktizierter grundloser Lautstärke. Allein diese Tatsache macht es möglich, Orgelwerke aus allen Epochen und Stilrichtungen zu interpretieren, ohne dabei den überstrapazierten Begriff der Universalorgel die es streng genommen auch gar nicht geben kann zu verwenden.
Die Gemeinde Verklärung Christi ist zu ihrer neuen Orgel nur zu beglückwünschen. Mögen sich Generationen gläubiger Christen in Gottesdienst und Konzert von ihr inspirieren und gemeinsam mit ihr das Wirken des heiligen Geistes spürbar werden lassen.
Mein ausdrücklicher Dank gilt Herrn Pfarrer Kalus und Frau Metzroth-Wicke, deren Mithilfe dieses Projekt überhaupt erst möglich gemacht hat, sowie den Mitarbeitern der Firma Mayer, die sich abermals rühmen dürfen ein beispielhaftes Orgelwerk gebaut zu haben.
Gerade die wortlose Orgelmusik vermag die liturgischen Mysterien auf einzigartige Weise zu deuten, zu interpretieren und die ,Anbetung in Geist und Wahrheit’ zu finden.
Papst Johannes Paul II.
Öffnen wir unsere Ohren und unser Herz für ihre Sprache.
Nicolo Sokoli
Orgelsachverständiger
im Auftrag der Diözese Mainz |
|
|