Mayer-Orgel in Junglinster, LuxemburgOrgel in der Pfarrei St. Martin
in Junglinster, Luxemburg

Disposition

Opus 415
Baujahr 2010
29/II/P
Mechanische Koppeln: II-I, II-P, I-P
Elektrische Koppeln: 4’II-I, 16’II-I, 4’II-II, 16’II-II, 4’II-P, II-I
Mechanische Spieltraktur
Register-Crescendo, 2-fach programmierbar
Mechanische und elektrische Registersteuerung
Setzeranlage mit 2 x 10.000 Kombinationen, personalisierter USB-Stick zur Archivierung und mit persönlichem Ebenenzugriff
Restaurierung und teilweiser Neubau der Orgel von Charles Wetzel aus 1887 Gehäuse zu großen Teilen frühes 17. Jahrhundert
Gesamtzahl der Pfeifen: 1.720


Eine Königin in neuem Glanze

Nicht immer muss das Alte Platz für das Neue machen, denn Qualität hat Bestand. Im Besonderen galt dies auch für die Überlegungen hinsichtlich der Konzeption zur Restaurierung und zum teilweisen Neubau der Orgel von Junglinster. Das Instrument hat eine immerhin nun schon 400-jährige wechselvolle Geschichte zu erzählen. Das prachtvolle historische Orgelgehäuse stammt zu großen Teilen aus dem frühen 17. Jahrhundert. Der Erbauer ist leider unbekannt. Danach wurde es im frühen 18. Jahrhundert vermutlich durch Jean Nollet erweitert. Ende des 19. Jahrhunderts, genau 1887, baute dann Charles Wetzel eine ganz neue mechanische Orgel unter Verwendung des historischen Gehäuses. Nur 50 Jahre später erneuerte Georg Haupt das technische Innenleben der Orgel. Er verwendete dabei das Pfeifenwerk von Wetzel und erweiterte das Werk mit neuen Registern. Dabei änderte er das technische System der Orgel und baute die für diese Zeit typischen pneumatische Kegelladen ein. Wie wir durch Versuche festgestellt haben, hat Haupt das Pfeifenwerk von Wetzel beim Wechsel von der Schleiflade auf die Kegellade im Wesentlichen nur sehr geringfügig umintoniert, so dass wir eine Rückführung des Pfeifenwerks von der Kegellade zur Schleiflade wagen konnten, ohne dabei klangliche Einbußen befürchten zu müssen, sondern im Gegenteil wieder näher am Klangbild der historischen Wetzel-Orgel sind.

Zusammengefasst haben wir also folgende Substanz vorgefunden: ein wunderschönes Orgelgehäuse, dass seine Ursprünge in der Spätrenaissance hat. Ein Pfeifenwerk, das zum größten Teil aus der Ära Wetzels (1887) bestand und mit Ergänzungen von Georg Haupt (1939) versehen war. Dazu der pneumatische Spieltisch und die Kegelwindladen von Haupt. Alles zusammen ein gewachsenes Ensemble, das auch als Einheit und nicht nur im einzelnen Denkmalwert besaß. Zusammen mit den Orgelsachberatern waren wir uns einig darüber, dass diese gewachsene Substanz sowohl in klanglicher, als auch in architektonischer Hinsicht beibehalten werden sollte. Lediglich die sehr unbefriedigende und nicht werthaltige Technik der Orgel sollte auf einen Stand gebracht werden, der zum einen Langlebigkeit und Beständigkeit garantiert und zum andern auch den höchsten spieltechnischen Ansprüchen gerecht wird.

Die romantisch geprägte Disposition bzw. der Registerbestand der Orgel wurde also unverändert übernommen und mit einigen dazu passenden neuen Registern (siehe Orgelsteckbrief) ergänzt, um die Vielfalt der Klänge zu vergrößern und damit die musikalischen Verwendungsmöglichkeiten des Instruments zu erweitern. Darüber hinaus wurde damit der Orgel auch mehr Gravität verliehen, ohne dabei ihr klangliches Erbe zu verändern. Die pneumatische Spielanlage und die Windladen der Orgel wurden aufgegeben.

Eine aufwendige Renovierung dieser Teile hätte die technischen Unzulänglichkeiten des Instruments auch nicht vollständig beseitigen können. Aus diesem Grund wurde die Orgel technisch vollständig neu konzipiert, dass heißt das komplette Innere wurde bis auf den Magazinbalg, ein paralleler Doppelfaltenbalg, neu hergestellt. Ein Hauptbestandteil dabei sind die neuen Windladen. Es handelt sich dabei um mechanische Schleifladen, die dem Organisten ein sehr feinfühliges Spiel erlauben. Durch die mechanischen Verbindungen zwischen den Tasten und den Tonventilen in den Windladen, den sogenannten Abstrakten, ist es dem Orgelspieler durch die Wahl des Anschlages der Tasten möglich, Einfluss auf die Tonerzeugung und damit dem Erklingen der Pfeifen zu nehmen. Die Abstrakten bestehen aus sehr leichtem Zedernholz mit einem Querschnitt von 6 x 1 mm. Die Register werden nach alter Tradition ebenfalls mechanisch betätigt. Damit haben wir das Orgelwerk wieder auf das technische Grundkonzept von Charles Wetzel zurückgeführt, wenn auch jetzt deutlich größer in der Registerzahl. Den hohen Qualitätsanspruch zeigt neben dem Bau von mechanischen Trakturen für die Ton- und Registerbetätigung auch das Vorhandensein einer zusätzlichen elektrischen Registersteuerung mit Setzeranlage als Spielhilfe. Diese ermöglicht es dem Organisten die sogenannte Registrierung, das ist die Abfolge von Registern, also Klangfarben, die er für ein Konzert oder für die Gestaltung des Gottesdienstes verwenden möchte, zuvor einzuspeichern und die einzelnen Registereinstellungen dann, wenn er sie benötigt, per Knopfdruck abzurufen.

Die Anordnung der Teilwerke Hauptwerk, Schwellwerk und Pedal wurde im Wesentlichen von Haupt übernommen. Das I. Manual (Hauptwerk) ist im historischen Orgelgehäuse positioniert. Dahinter steht im neuen Gehäuseteil durch einen Stimmgang getrennt das II. Manual (Schwellwerk) auf gleicher Höhe. Das Schwellwerk steht in einem eigenen Gehäuse mit 40 - 50 mm Wandstärke, das durch Jalousien geöffnet oder geschlossenen werden kann. Diese Jalousien bewegt der Orgelspieler mit dem Fuß vom Spieltisch aus, so dass er die Lautstärke dieses Werkes verändern kann. Der Schwellkasten besitzt Jalousienflächen in der Vorderfront und auch in beiden Seiten. Auf diese Weise ist die Effizienz der Schwellwirkung deutlich größer als zuvor bei Haupt. Das Pedalwerk ist im Untergehäuse, quasi zwischen dem I. und II. Manual, angeordnet. Große Schallöffnungen an der Rückwand der Orgel erlauben den tiefen Schallfrequenzen eine gute Abstrahlung in den Kirchenraum.

Das historische Orgelgehäuse aus Eichenholz wurde von uns unter denkmalpflegerischen Aspekten restauriert. Das fehlende Untergehäuse haben wir in genauer Anlehnung an das Originalgehäuse ergänzt. Die Oberfläche wurden von den Restauratoren Martin Mrziglod und Margit Mrziglod - Leiß unter Beratung von Herrn Prof. Alex Langini neu gefasst. Den neuen Gehäuseteil, in dem im Wesentlichen das Schwellwerk und das Pedal untergebracht sind, haben wir ebenfalls in massivem Eichenholz hergestellt.

Das Spieltischdesign orientiert sich eng an den Spieltischformen von Charles Wetzel. Da wir leider keine Hinweise auf das Aussehen des Wetzel-Spieltisches von Junglinster hatten, nahmen wir den Spieltisch der Wetzel-Orgel von Pfaffenthal als Anhaltspunkt. Das Gehäuse besteht aus massivem Eichenholz. Die Registerzüge wurden aus Birnbaumholz gedrechselt und schwarz poliert. Die Registernamen stehen auf runden Porzellanplättchen, die in der Stirnseite der Registerzüge eingelegt sind. Die Klaviaturenbacken sowie das Abdeckbrett über den Manualklaviaturen haben wir in Palisander hergestellt.

Alle unsere Anstrengungen zum Bau der Orgel gelten dem Streben nach Werthaltigkeit und Beständigkeit in Verbindung mit architektonischer und klanglicher Anmut.

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